Internet-Memes: „Niederschwelliger Zugang zur Politik“

Wenn Bürgerinnen und Bürger politische Bilder zum Sprechen bringen: Lars Bülow, Michael Johann und Marie-Luis Merten haben auf dem Kongress „Grenzen“ der Deutschen Gesellschaft für Semiotik ein Forschungsfeld vorgestellt, das noch am Anfang steht.

  • Internet-Memes sind zu einem festen Bestandteil der Kommunikation in den sozialen Medien geworden. Zu diesem Schluss gelangen die Passauer Sprach- und Kommunikationswissenschaftler Lars Bülow und Michael Johann.
  • Gemeinsam mit Marie-Luis Merten, Linguistin an der Universität Paderborn, haben sie den Stand der Forschung zu politischen Internet-Memes im Rahmen des Kongresses „Grenzen“ der Deutschen Gesellschaft für Semiotik an der Universität Passau vorgestellt.
  • Politische Memes eröffnen Merten zufolge einen „niederschwelligen Zugang zur politischen Diskussion“.

Zum Beispiel im Fall des sogenannten Merkel-Memes mit Angela Merkel und Barack Obama vor idyllischer Alpenkulisse 2015 auf dem G7-Gipfel. Die Kanzlerin breitet die Arme aus, der ehemalige US-Präsident sitzt mit dem Rücken zum Publikum lässig auf einer Bank. (Foto: Pete Souza, Official White House Photo)

„Man stellt sich hier unweigerlich die Frage – was sagt sie denn in diesem Moment?“, sagt Kommunikationsexperte Michael Johann im Eröffnungsvortrag zum Panel „Politische Memes“ auf dem Kongress „Grenzen“ der Deutschen Gesellschaft für Semiotik, der vom 12. bis 15. September an der Universität Passau stattgefunden hat.  Der Raum für Interpretationen sei eröffnet.

Aufbau eines Memes

Dr. Lars Bülow, Sprachwissenschaftler an den Universitäten Passau und Salzburg, erklärte die Bestandteile eines Memes: „Die Textzeile oben eröffnet einen semantischen Frame, unten finden Sie in der Regel die Pointe. Meist wird hier mit Mitteln der Ironie oder der Überspitzung gearbeitet.“

Mittel zum politischen Ausdruck

Dr. Marie-Luis Merten, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Paderborn, sieht in politischen Memes ein „weitreichendes Anwendungspotential“: Sie würden einen „niederschwelligen Zugang zur politischen Diskussion eröffnen“. Ein Meme sei ein Medium, das zur Partizipation anrege, ein Mittel, um politische Haltungen zum Ausdruck zu bringen.

Verbreitung des Merkel-Memes

Die Forschenden untersuchten, wie sich das oben beschriebene Meme verbreitete: Auf Plattformen wie Twitter tauchte es in etwa 800 verschiedenen Varianten auf, mehr als 2500 Nutzerinnen und Nutzer waren an der Verbreitung beteiligt. Die verschiedenen Versionen des Memes generierten etwa 2500 Retweets. Die Wissenschaftler arbeiteten eng mit Informatikern zusammen, um die Verbreitung der Memes zu analysieren, um Influencer, also Kommunikatoren mit hoher Reichweite, ausfindig zu machen, und um diese Daten zu visualisieren:

„Internet-Memes wie das Merkel-Meme sind zu einem festen Bestandteil der Kommunikation in den sozialen Medien geworden“ – zu diesem Schluss kommen Bülow und Johann in ihrer aktuellen Publikation „Die virale Verbreitung von Internet-Memes. Empirische Befunde zur Diffusion von Bild-Sprache-Texten in den sozialen Medien“, die in der Zeitschrift Kommunikation@Gesellschaft erscheinen wird.

Die Forschung an politischen Internet-Memes findet auch im Rahmen des geplanten Clusters Cyber<>Spaces statt, das die gesellschaftlichen Implikationen der Digitalisierung analysieren will. Prof. Dr. Rüdiger Harnisch, Inhaber des Lehrstuhls für Sprachwissenschaft an der Universität Passau und einer der Sprecher des geplanten Clusters, fragte, ob die Memes denn nicht auch „eine historische Tiefe hätten“ – und zwar in Form von Zitaten, die sich in das kollektive Gedächtnis eingeprägt hätten. Das Prinzip des Memes sei sicherlich kein neues Stilmittel, antwortete Michael Johann. Es sei vielmehr ein wiederentdecktes Mittel zur Kommentierung von politischen Ereignissen.

Über den Kongress „Grenzen“

Mit ihrem Vortrag eröffneten Bülow, Johann und Merten das Panel „Politische Memes“ auf dem Kongress „Grenzen“, der Semiotikerinnen und Semiotiker aus dem gesamten Bundesgebiet, aus Europa, den USA und Brasilien nach Passau gebracht hat. Die Konferenz beleuchtete das Thema aus verschiedenen Perspektiven: In insgesamt 12 Panels und 125 Vorträgen befassten sich die Forscherinnen und Forscher etwa mit Mauern, Grenzen des Designs, Grenzen der Mode, der Rolle der Medien und der Literatur im digitalen Zeitalter.